Menschen auf vier Beinen – oder Hunde müssen funktionieren

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„Ratsch“, die Flexi-Leine klickt und der Hundehals ruckt. Heute Morgen beim Spaziergang begegneten Emile, Bijou und ich einem älteren Herrn mit einem mittelgroßen Yorkshire-Terrier. Eigentlich interessieren sich Emile und Bijou wenig für andere Hunde, die entgegen kommen, aber dieser kleine Hund hatte es Bijou angetan. Schließlich waren sie auf einer Wellen- oder besser Größenlänge. Mit hoch erhobenem Schwanz hüpfte sie fröhlich auf den Kleinen zu.

Auch er zeigte sich ganz interessiert und wollte neugierig an ihr schnuppern. Aber da machte es „ratsch“, die Leine klickte, der arme kleine Hund ruckte zurück. Herrchen wollte aus unerfindlichen Gründen die Begrüßung der beiden verhindern. Bijou drehte ab und der kleine Hund wurde weiter gezogen. In seinen braunen Augen unter den putzigen hochstehenden Augenbrauen war völliges Unverständnis zu sehen. Er drehte sich mehrfach um, aber musste weiter. Ein trauriges Bild, das uns immer wieder begegnet.

Auch Felix ist so ein armes, viel zu dickes Würmchen. Erst sechs Jahre alt, wirkt der mittelgroße Mischling viel älter, schließlich ist er so hoch wie breit. Und er ist eines – ein sehr freundlicher Hund. Dass er niemals frei laufen darf, sondern immer nur an der „Ratsch“-Leine geführt wird, ist die eine Sache. Die andere ist, dass er Emile und Bijou nur äußerst selten mal begrüßen darf. Meistens macht es „ratsch“ und wird er weggezogen. Immer sehe ich in seinen Hundeaugen ein völliges Unverständnis darüber, dass die anderen laufen dürfen und er nicht – und dass er nicht Hallo sagen darf. Manchmal wird er sogar auf die andere Straßenseite gezogen, nur weil das Herrchen Angst hat, der gute Felix könnte uns belästigen. Seine Figur ist letztlich der Bewegungsarmut geschuldet, denn schneller als der Menschenschritt ist er schon lange nicht mehr gelaufen.

Aber es gibt auch das Gegenteil davon. Hundebesitzer, die ihre Hunde die ganze Zeit beschäftigen müssen. Die Tiere wurden mit der Zeit süchtig nach Bällchen oder Frisbee-Scheiben und können sich auf gar nichts anderes mehr konzentrieren. Wieder andere werden den ganzen Spaziergang über erzogen. Sie müssen kommen, sitzen, sich ablegen, apportieren, bei Fuß gehen, dürfen nur spielen, wenn ihr Besitzer es ihnen erlaubt, nur schnuppern, wenn Herrchen oder Frauchen mal gnädig stehenbleiben, sie dürfen keine anderen Hunde begrüßen, sich nicht mal faul auf der Wiese räkeln oder gedankenverloren in der Gegend herumstehen. Sie müssen einfach nur funktionieren und immer und immer wieder üben, ein gut erzogener Hund zu sein.

Tun sie das nicht, besteht sofort die Gefahr, dass sie ihre Besitzer dominieren wollen. Schließlich hat Hund nichts anderes im Sinn als die Weltherrschaft zu übernehmen – oder zumindest die Herrschaft über Heim und Herd. Darum haben Hundetrainer sie domestiziert – und das Herrchen gleich mit. Dabei wäre ein bisschen mehr Achtsamkeit und Gespür für die Bedürfnisse des engsten und treuesten Begleiters des Menschen doch der einfachste Weg. Schließlich sind es doch nur Tiere und keine Menschen auf vier Beinen.

Ein tolles Buch dazu haben Laurent Amann und Asim Aliloski zu diesem Thema geschrieben: https://www.facebook.com/meinhundhateineseele

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